Rangordnungskämpfe bei Kaninchen | tierglueck-Haustierratgeber

Revier- und Rangkämpfe bei Kaninchen: Muss man eingreifen?

Kaninchen gelten allgemein als harmlose, liebenswerte Kuscheltiere. Der Umstand, dass sie zu den Fluchttieren zählen, die vor ihren Feinden eher davonlaufen, als sich ihnen entgegenzustellen, lässt sie verletzlich wirken. Ihr freundliches Wesen, ihre Verwundbarkeit und ihre stets vorsichtige und achtsame Annäherung an alles und jeden, machen sie zu Lebewesen, die man behüten und beschützen möchte. Nicht zuletzt unterstützt ihr flauschig weiches Fell unseren Hang, in ihnen eher gemütliche Stofftiere zu sehen, als zänkische Raufbolde. In Wahrheit sind sie beides, denn untereinander können Kaninchen heftige Kämpfe ausfechten, um das Revier, den Sozialpartner und zuweilen sogar um Futter. Dabei gehen sie nicht zaghaft vor. Krallen und Schneidezähne werden als wirkungsvolle Waffen eingesetzt, die ihre Artgenossen böse verletzten können.


Dabei sind Kaninchen ihrer Natur nach nicht etwa aggressiv. Vielmehr folgen sie mit ihren Handlungen ihren Urinstinkten, wonach sich in erster Linie die stärksten und ranghöheren Tiere paaren und vermehren. Sie leben in größeren Gruppen zusammen, bei der jeder einzelne auf den anderen aufpasst und nutzen ihr ausgeklügeltes Warnsystem, damit sich bei Gefahr alle in den sicheren Bau zurückziehen können. Meist haben die dominanten Rammler und Häsinnen das Sagen innerhalb der Gruppe, wobei eine körperliche Überlegenheit nicht immer ausschlaggebend ist. Ihre Rangordnung fechten wildlebende Kaninchen mit ihren Artgenossen aus, die unterlegenen Tiere müssen sich unterordnen, während die ranghöheren über die besten Schlafplätze im Höhlensystem bestimmen, den anderen das Futter streitig machen und die paarungsbereiten Weibchen für sich beanspruchen. Auf diese Weise verfügen die Nachkommen über größere Überlebenschancen.

Kaninchen kämpfen um die Macht in ihrem Revier

Auch bei unseren Hauskaninchen kommen solche Rang- oder Revierkämpfe vor. Letztendlich ist das Gehege, der Stall oder der Bereich in dem sich die Kaninchen aufhalten, auch nichts anderes als das Territorium der Gruppe. Meist wird dies vom ranghöchsten Kaninchenbock angeführt. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um einen zeugungsfähigen Rammler oder einen kastrierten Bock handelt. Zuweilen können auch sehr dominante Weibchen Rudelführer sein. In der Regel wird die Rangordnung innerhalb einer Gruppe nur einmal richtig ausgefochten, danach haben sich die Kaninchen mehr oder weniger in ihre Rollen gefügt und es kommt nur noch dann und wann zu kurzen Unstimmigkeiten. Zu neuen Revierkämpfen kommt es hingegen, wenn ein Neuling dazukommt, das Leittier erkrankt oder verstirbt. Bei unkastrierten Weibchen spielt zudem ein schwankender Hormonhaushalt eine nicht unerhebliche Rolle. All diese Rangordnungskämpfe sind völlig normal und müssen so sein. In der Regel muss der Tierhalter nicht eingreifen, aber es gibt auch einige Punkte zu beachten.

Insbesondere, wenn ein weiteres Kaninchen in eine bestehende Gruppe integriert werden soll, kann es zu erbitterten Kämpfen kommen. Daher sollte man den Neuling auf gar keinen Fall einfach so in das Gehege zu den anderen setzen. Die Stammkaninchen würden den Fremden sofort als Eindringling in ihr Revier betrachten und attackieren. Er würde gejagt und verbissen werden und hätte keine Chance, sich in dem für ihn fremden Terrain zurechtzufinden. Das Resultat sind im harmlosen Fall blutige Striemen, doch auch heftige Bisswunden, eingerissene Ohren, ausgerissene Krallen oder sogar Knochenbrüche sind möglich, zu denen es bei den Verfolgungsjagten kommen kann.

Kaninchen sollten daher in einem völlig neutralen Bereich vergesellschaftet werden. Ideal ist dazu ein Raum oder ein größeres Gehege geeignet, das noch keiner von ihnen kennt. So haben alle die gleichen Voraussetzungen und können sich im Wortsinne neutral begegnen und kennenlernen. Zwar wird dann immer noch um die Rangfolge oder das neue Revier gekämpft, aber längst nicht so heftig, wie im eigenen Gehege. Denn im Prinzip sind alle Kontrahenten in der gleichen Situation, das schweißt quasi zusammen. Ziehen nach der Vergesellschaftung wieder alle in das bisherige Gehege ein, ist davon auszugehen, dass erneut gekämpft wird, allerdings in deutlich abgeschwächter Form. Der Neuling sollte zudem mit etwas zeitlichem Vorsprung vor den anderen in das Gehege gesetzt werden, damit er sich orientieren kann. Es hilft überdies, die Einrichtung etwas umzustellen oder neue Gegenstände zu integrieren. Eine Vergesellschaftung kann als erfolgreich angesehen werden, wenn alle Kaninchen friedlich miteinander umgehen, gemeinsam fressen, sich gegenseitig putzen und dicht an dicht zusammenliegen.

Situationen, in denen man einschreiten sollte

Auch wenn es nicht immer leicht ist, als Tierfreund sollte man sich nicht in die Rangordnungskämpfe seiner Kaninchen einmischen und sie gewähren lassen. In der Regel passiert auch nicht viel und die Auseinandersetzungen verlaufen glimpflich. Meist sieht es zudem schlimmer aus, als es in Wirklichkeit ist. Die Kontrahenten jagen sich und es fliegen Fellbüschel durch das Gehege, die allerdings nicht unbedingt vom Gejagten stammen müssen. Auch der Verfolger kann Fell einfach so verlieren. Durch heftige Bewegungen und den Stress des Kampfes lösen sich Büschel aus dem Fell. Keine Sorge, das erneuert sich schnell wieder.

Rangordnungskämpfe dauern nie nur wenige Minuten an. Die Kaninchen bekämpfen sich zumeist über mehrere Stunden hinweg, teilweise auch über Tage. Immer wieder legen sie Pausen ein, um sich auszuruhen, zu fressen oder etwas zu trinken. Heu zu knabbern hilft ihnen dabei, den Stress abzubauen. In den Ruhephasen zwischen den Kämpfen wirken sie fast ein wenig teilnahmslos und scheinen mit sich selbst beschäftigt zu sein. Tatsächlich wird der Kontrahent nicht aus Augen und Ohren gelassen. Meist liegen sie ermattet und der Länge nach ausgestreckt, ihre Flanken bewegen sich in schnellem Rhythmus von der heftigen Atmung.

Es kann aber auch vorkommen, dass Kaninchen sehr heftig miteinander kämpfen und sich gegenseitig böse verletzen. Das passiert schnell, wenn zwei sehr dominante Tiere um die Rangfolge kämpfen und keines zurückstecken will. Dann werden die Verfolgungsjagden sichtlich dramatischer und Krallen und Zähne werden massiv eingesetzt. Wird der Gegner in dieser Situation in eine Ecke gedrängt, aus der es keinen Ausweg für ihn gibt, sitzt er im Wortsinne in der Falle und wird mit Pfoten, Krallen Zähnen und vollem Körpereinsatz bekämpft. Die beiden Raufbolde wälzen sich dabei derart schnell über den Boden, dass man kaum unterscheiden kann, wer die Oberhand hat. Manche Kaninchen stoßen in solchen Situationen auch einen spitzen Schrei aus oder knurren bedrohlich. Sollte die Kampfintensität unvermindert anhalten, kann ein Einschreiten durch den Tierhalter erforderlich werden, der die beiden Streiter voneinander trennen sollte. Wobei es gar nicht so ungefährlich ist, mit den bloßen Händen in ein ineinander verbissenes Kaninchenknäuel zu greifen. Das Tragen von Handschuhen kann hilfreich sein.

Kann man Rangordnungs- und Revierkämpfe unter Kaninchen vermeiden?

Wie bereits erwähnt, sollte man in die normalen Rangordnungskämpfe nicht eingreifen. Sie sind wichtig, damit die Gruppe harmonisch zusammenleben kann und es nicht permanent Spannungen gibt. Als Tierhalter kann man jedoch einiges dazu beitragen, dass die Kämpfe weder zu heftig werden, noch zu lange andauern. Um dies zu verhindern, sollten Vergesellschaftungsgehege und spätere Unterkunft gut ausgestattet sein. Dazu ist zunächst die Gehegegröße entscheidend. Je Tier werden etwa zwei Quadratmeter Fläche benötigt. Will man also vier Kaninchen gleichzeitig miteinander vergesellschaften, sollte das Areal mindestens sechs bis acht Quadratmeter groß sein. Ist es zu klein, können Konflikte nicht dadurch gelöst werden, dass sich das unterlegene Tier zurückziehen kann.

Ein zu groß dimensioniertes Gehege kann sich dagegen auch negativ auf den Vergesellschaftungsprozess auswirken. Ist das Areal mehr als 15 Quadratmeter groß und die Gruppe klein, können sich die Tiere zu sehr aus dem Weg gehen und setzen sich nicht mehr miteinander aus. Eine Zusammenbringung dauert dann nicht nur einige Stunden, sondern Tage oder sogar Wochen.

Für jedes Kaninchen sollte es zudem eine Versteck- oder Rückzugsmöglichkeit im Gehege geben, von denen jede Behausung mindestens zwei Ein-/Ausgänge haben und nicht in einer Ecke aufgestellt werden sollte. Heu, Futter und Wasser im Gehege verteilt, bieten den Kontrahenten Ablenkung und Stärkung.

Manchmal will es einfach (noch) nicht klappen

Damit Rangordnungskämpfe ein verhältnismäßig kurzer Prozess werden können, sollte man bereits im Vorfeld Kaninchen auswählen, die auch zueinander passen. Damit ist weniger die Rasse gemeint, sondern mehr Alter und Geschlecht. Am besten vertragen sich Paare, auch zwei oder drei Weibchen können mit einem kastrierten Männchen eine harmonische Gruppe bilden. Nur Böckchen oder nur Häsinnen sind in der Regel jedoch problematisch. Fast noch wichtiger ist das Alter der Kaninchen. Sind die bestehenden Kaninchen beispielsweise drei oder vier Jahre alt, sollten die Neuen etwa im gleichen Alter sein. Ein Jungtier bringt hingegen viel Unruhe in die Gruppe und sorgt für zusätzliche Aufregung – insbesondere, wenn es in der Pubertät ist.

Es kommt vor, dass sich ein Kaninchen einfach nicht einfügen will oder es von den anderen nicht akzeptiert wird und es immer wieder zu heftigen Kämpfen kommt. In diesem Fall muss man die Vergesellschaftung zunächst als gescheitert ansehen, aber nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. Man kann den Problemfall zunächst von den anderen separieren und nach einigen Wochen oder Monaten einen neuen Versuch der Zusammenbringung unternehmen. Junge Kaninchen durchlaufen in den ersten eineinhalb Lebensjahren viele Veränderungen, so dass sie beim nächsten Versuch ganz anders drauf sein können.


Kaninchen nutzen ihre Instinkte als Leitfaden, der sie durchs Leben führt. Daher ist es völlig normal, wenn sie die Rangfolge innerhalb der Gruppe auskämpfen. Der Tierhalter sollte nicht eingreifen, jedoch kann er für eine entspannende Situation sorgen. Müssen die Langohren ihre Rangordnung in einem zu kleinen Bereich ausfechten oder hat dieser Sackgassen, sind Verletzungen sehr wahrscheinlich. Dies gilt es zu vermeiden, damit eine harmonische Kaninchen-Familie entstehen kann.

Beitrag jetzt teilen:

Newsletter

Folgt uns auf Facebook

Werde Fan von tierglueck.de auf Facebook und verpasse keine Neuigkeiten mehr.

Jetzt folgen Jetzt folgen