Scheinträchtigkeit bei Kaninchen | tierglueck-Haustierratgeber

Wenn Kaninchen scheinträchtig sind

Es ist schon besonders niedlich, wenn ein weibliches Kaninchen mit einem Büschel Heu im Mäulchen durch das Gehege hoppelt, eifrig weitersammelt und ganz offensichtlich irgendwo ein Nest baut. Die Häsin ist emsig beschäftigt, ausreichend Nistmaterial zu sammeln und gönnt sich noch nicht einmal eine kurze Pause, um Nahrung aufzunehmen oder zu trinken. Entspricht das Wurfgelege ihren Vorstellungen, zupft sie sich zu guter Letzt noch Haare aus Brust und Bauch, um ihr Nest für ihren Nachwuchs schön weich auszupolstern. Dieses Verhalten mag den Tierhalter verwundern, denn das dazugehörende Männchen ist kastriert und kann eigentlich keinen Nachwuchs zeugen. Der kommt auch gar nicht, denn nicht selten handelt es sich um eine Laune der Natur: Das Weibchen ist scheinträchtig. Im Grunde ist Scheinträchtigkeit harmlos. Tritt sie jedoch häufiger auf, ist die Gesundheit der Häsin gefährdet.


Kaninchen können mehrfach im Jahr Nachwuchs bekommen. Gesunde Häsinnen sind in der Lage, bis zu 10 Würfe in einem Jahr zur Welt zu bringen. Daher wird bei der gemeinsamen Haltung von Rammlern und Häsinnen immer eine Kastration der Böckchen empfohlen. Da der Eingriff bei weiblichen Kaninchen zu kompliziert ist, verzichtet man in der Regel darauf. Die Weibchen haben also einen ganz normalen Hormonzyklus. Der Eisprung wird jedoch nicht automatisch wie bei uns Menschen ausgelöst, sondern nur, wenn die Häsin vom Rammler gedeckt wurde – unabhängig davon, ob das Männchen kastriert ist oder nicht. Durch das Auslösen des Eisprungs haben manche Weibchen den Eindruck, trächtig zu sein. Insbesondere geschlechtsreife Jungtiere sind von Scheinträchtigkeiten betroffen.

Ursachen für eine Scheinträchtigkeit

Dieses Phänomen kommt bei Wildkaninchen praktisch nicht vor, da die Rammler nicht kastriert sind und die Häsinnen nach dem Deckakt tatsächlich tragend sind. Nach dem Eisprung produzieren die Follikel vermehrt das Trächtigkeitshormon Progesteron, obwohl keine Befruchtung der Eizellen stattgefunden hat. Daher nisten sie sich auch nicht in der Gebärmutter ein und es wachsen auch keine Embryos heran. Der Hormonschub gaukelt dem Kaninchen lediglich vor, trächtig zu sein und lässt es instinktiv handeln. Im Gegensatz zu anderen Jahreszeiten kommt es im Frühjahr häufiger zu Scheinträchtigkeiten.

Auch völlig unabhängig vom Deckakt kann ein Eisprung bei Kaninchen ausgelöst werden. Etwa wenn Erkrankungen der Gebärmutter oder der Eierstöcke vorliegen. Dies ist meist genetisch bedingt und betrifft in erster Linie gewisse Rassen, respektive Züchtungen. Manche Kaninchen sind auch anfällig für veränderte Lichtverhältnisse und werden scheinschwanger, wenn das Tageslicht plötzlich künstlich verlängert wird.

Wie äußert sich Scheinträchtigkeit bei Kaninchen?

Nicht jedes Kaninchen, das von einem kastrierten Böckchen gedeckt wurde, wird automatisch scheinschwanger. In der Regel passiert überhaupt nichts und die Häsin verhält sich völlig normal. Beginnt sie jedoch einige Tage nach dem Deckakt damit Nistmaterial zu sammeln, kann man von einer Scheinträchtigkeit ausgehen und diese in den direkten Zusammenhang bringen. In erster Linie sammelt sie Heu, aber auch Stofffasern aller Art und kleine Äste. Zum Schluss reißt sie sich das Bauchfell aus, und wenn die Artgenossen nicht schnell genug wegkommen, dann zupft sie auch an dessen Haarkleid. Das Nest wird heftig verteidigt, kein anderes Kaninchen darf sich ihm nähern. Einige Weibchen markieren das Umfeld verstärkt, in dem sie Urin verspritzen. Allerdings bauen nicht alle Kaninchen ein Nest. Manche tragen nur einige Stunden lang das Baumaterial im Mäulchen hin und her und legen es mal hier mal dort ab.

Bereits einige Stunden zuvor kann man zudem eine Veränderung in ihrem Verhalten beobachten. Die Häsin wird zickig und aggressiv. Ihre Aggressionen richten sich überwiegend gegen ihre Artgenossen, die sie von den Futterstellen oder beliebten Schlafplätzen wegbeißt. Dabei knurrt sie unwillig und böse. Aber auch der Tierhalter kann Ziel ihrer unvermittelten Angriffe werden. Solche Aktionen sind jedoch ausschließlich hormongesteuert und bedeuten nicht, dass das Kaninchen nun bissig geworden ist. Nach einigen Tagen ist der Spuk meist wieder vorbei, so alles hätte er nie stattgefunden.

Auch die Artgenossen verhalten sich teilweise anders

Während der Scheinträchtigkeit eines Weibchens, bemühen sich die anderen Kaninchen aus der Gruppe dem zickigen Artgenossen aus dem Weg zu gehen. Insbesondere dann, wenn ihnen die Häsin Fell ausreißen will. Sie sind zwar neugierig, vermeiden es aber dem Nest zu nahe zu kommen. Außerdem räumen sie schnell das Feld, wenn sich das hormongesteuerte Weibchen den Futterstellen nähert. Das trifft ebenfalls auf ansonsten eher dominante Böcke zu. Instinktiv wissen sie, dass dies das richtige Verhalten ist, denn auch sie kennen keinen Unterschied zwischen tatsächlicher und scheinbarer Trächtigkeit.

Wie kann der Tierhalter betroffene Kaninchen unterstützen?

Stellt man als Tierhalter die Scheinträchtigkeit bei einem Kaninchen fest, ist das zunächst kein Grund zur Sorge. Wichtig ist, dass man die Häsin nun nicht separiert oder in einen kleinen Käfig sperrt. Sie sollte in ihrem gewohnten Gehege bleiben, denn nur so kann sie den idealen Platz für ihr Nest auswählen. In jeden Fall sollte man sie gewähren lassen und ihr das bereits gesammelte Baumaterial nicht wegnehmen.

Das scheinschwangere Kaninchen hat jetzt einen erhöhten Bedarf an Heu – das ideale Nistmaterial. Und es wird die Artgenossen mit Sicherheit von der Heuraufe vertreiben, wenn sie zum Fressen kommen. Daher empfiehlt es sich, deutlich mehr Heu zu geben oder noch besser, es an mehreren Stellen im Gehege zu verteilen, damit die anderen Tiere auch ihren Teil abbekommen. Eine spezielle Sorte Trockengras wird nicht benötigt, das Standardheu, das normalerweise gefüttert wird, ist genau richtig.

Um zu verhindern, dass das scheinträchtige Weibchen die anderen Kaninchen der Gruppe jagt und ihnen Fell zum Polstern ausreißt, kann man mit Hanffasern aus dem Fachhandel unterstützen. Hanffasern sind reines Naturmaterial und können von Kaninchen sogar unbedenklich verzehrt werden. Es ist nicht erforderlich, gleich den gesamten Inhalt der Tüte zur Verfügung zu stellen. Die Fasern hängen meist noch sehr fest zusammen. Man zupft einfach einige Flocken aus der Tüte und verteilt sie im Gehege. Das sorgt für eine zusätzliche Beschäftigung der Häsin, die die Büschel erst noch suchen und zusammensammeln muss. Die Fasern sind sehr weich und bieten dem Kaninchen ein ideales Polstermaterial für das Nest.

Das Nest wird nach Fertigstellung von der Häsin bewacht und eventuell mehrmals umgebaut, bis es ihren Vorstellungen entspricht. Solange sie sich in der Nähe aufhält und weiter daran arbeitet, sollte es unangetastet bleiben – auch wenn sie es in der Kaninchentoilette gebaut hat. Erst wenn sie das Interesse daran verloren hat oder es sogar selbst zerstört, kann man die Bestandteile entsorgen. Etwa zu diesem Zeitpunkt haben sich die Trächtigkeitshormone wieder weitestgehend abgebaut und die Scheinschwangerschaft ist nahezu überstanden.

Wann ist Scheinträchtigkeit gefährlich und muss behandelt werden?

Hält der Zustand mehr als drei bis fünf Tage unvermindert an, sollte ein Tierarzt um Rat gefragt werden. Es besteht die Gefahr, dass eine ernste Erkrankung, wie beispielsweise eine Gebärmutterentzündung oder ein Eierstocktumor hinter dem Verhalten der Häsin steht. Handlungsbedarf besteht auch, wenn ein Kaninchen mehr als zwei bis drei Mal im Jahr scheinschwanger ist. In diesem Fall liegt mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Erkrankung der Gebärmutter oder der Eierstöcke vor. Nach eingehender Untersuchung schlägt der Tierarzt in der Regel die operative Entfernung des erkrankten Organs vor, die fast immer eine Verbesserung bringt.

Eine Hormontherapie ist hingegen nur bedingt zu empfehlen, da Kaninchen keinen so regelmäßigen Zyklus haben. Sie lässt sich nur bei älteren oder kranken Tieren anwenden, bei denen keine Operation möglich ist. Unter Tierhaltern umstritten ist zudem die These, wonach es nicht mehr zu Scheinträchtigkeiten kommt, wenn eine Häsin einmal geworfen hat. In Einzelfällen mag dies funktionieren, doch es gibt wesentlich mehr Gegenbeweise. Hinzu kommt das Problem mit den Jungtieren, die später alle ein neues Zuhause benötigen und nicht im Tierheim landen sollten.

Ist eine prophylaktische Behandlung empfehlenswert?

Die Ansicht, dass bei allen Weibchen, mit denen nicht gezüchtet wird, auf Verdacht eine Hysterektomie – also die Entfernung von Gebärmutter und Eierstöcken – durchzuführen, wird von Experten ebenfalls nicht geteilt. Selbst wenn sich eines Tages Tumore bilden, bedeutet dies nicht, dass die Kaninchen ernsthaft erkranken. Solange sich Scheinträchtigkeiten nicht häufen, besteht kein Anlass, gesunde Organe prophylaktisch zu entfernen. Bedenken sollte man zudem, dass die Tiere dem Operationsrisiko ausgesetzt werden. Jede Narkose belastet ihr Herz-Kreislauf-System. Überdies drücken selbst feine Narben auf die Organe und behindern eine reibungslose Nahrungsverwertung. Nach einer Operation benötigen Kaninchen eine intensive Betreuung über ein bis zwei Wochen. Um zu verhindern, dass sie sich selbst die frischen Nähte aufreißen oder Verbände wegziehen, müssen sie einen Trichter tragen. Zudem wäre die Nahrungsaufnahme stark eingeschränkt.

Es ist überdies davon auszugehen, dass sich das Verhalten von Kaninchenweibchen nach der Operation deutlich verändert. Sie werden in der Regel zwar ruhiger und ausgeglichener neigen auf der anderen Seite aber zur Gewichtszunahme. Und die Diät eines Einzeltieres in einer artgerechten Gemeinschaftshaltung mit anderen Kaninchen ist so gut wie unmöglich.


Scheinträchtigkeit kommt bei Wildkaninchen so gut wie gar nicht vor. Bei Hauskaninchen wird sie meist durch das Zusammenleben mit kastrierten Rammlern ausgelöst. Tritt sie öfter als dreimal im Jahr auf, sollte der Tierarzt prüfen, ob eine Erkrankung der eigentliche Auslöser ist. Von einer pauschalen Entfernung der Gebärmutter oder der Eierstöcke sollte der Tierhalter absehen. Dies gefährdet unnötig das Leben und die Gesundheit der Häsin

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